... Die sparsamen Informationen, die uns in den nächsten Wochen hinter dem »Draht« erreichten, zeugten davon, dass das Ende des Krieges und zusammen mit diesem Ende auch das Ende unseres Lagerschicksals immer näher rückte: Es erwartete uns entweder die in Blut und Schweiß ersehnte Freiheit oder der Tod durch die Hand der sterbenden Bestie, die uns, selbst noch kurz vor ihrem Ende, mit ihrem riesigen Körper zerquetschen konnte.

Die Westfront kam immer näher. Wir mussten aushalten, um jeden Preis noch ein paar Tage aushalten!
Endlich, am 7. April 1945, kam der so sehnlichst von uns erwartete, aber zugleich gefährliche Befehl zur Evakuierung des Lagers. An diesem Tag gingen wir nicht mehr zur Arbeit, sondern wurden in offenen Waggons eines Zuges - zu 80 Mann in einen Waggon - geladen, der uns nach Bergen-Belsen bringen sollte, wo wir nach dem ursprünglichen Plan der Nazis mit einem speziell für diesen Zweck präparierten Brot vergiftet werden sollten. [FN 28: Die erhalten gebliebenen Dokumente, sowohl aus der Lagerzeit wie von den britischen Ermittlungsverfahren enthalten keinen Hinweis darauf.] Während Tausende von KZ-Häftlingen, Zeugen der Nazi-Verbrechen - damit sie den Alliierten nicht in die Hände fielen - auf Todesmärsche geschickt wurden, auf denen jene unterwegs erschossen wurden, die zu schwach waren, um das durchzustehen, wurden wir aus Drütte »komfortabel« mit Viehwaggons nach Bergen-Belsen transportiert. In dem Chaos kamen wir aber nur bis nach Celle. In Celle wurden unsere Waggons zwischen Zügen mit Militärgeräten und Munition abgestellt. Vom Westen her hörten wir schon die Artilleriekanonade der immer näher heranrückenden Front, unsere Freiheit war schon in greifbarer Nähe.

Und dann passierte das Schlimmste, was passieren konnte: Es war ein schöner sonniger Tag, der 8. April 1945. Am Himmel sah man keine einzige Wolke. Gegen 18 Uhr erschienen dann 132 Bomber vom Typ B-26 am Horizont. Sie flogen ruhig, in geordneten Reihen in drei kompletten Bombergeschwadern, wie bei einem Defilee. Wir sahen die erschrockenen Gesichter der Deutschen und einen kurzen Augenblick waren wir sogar stolz darauf, dass wir so mächtige Freunde und Befreier hatten. Dann aber kehrten die Flugzeuge um, machten einen Bogen und näherten sich unserem Zug. Erst da kam bei uns Angst auf. Wollten sie uns bombardieren? Nein, das war doch unmöglich, bei diesem Wetter kann man doch sehr gut einen Zug mit KZ-Häftlingen sehen, deren gestreifte Lagerkleidung war sogar eindeutiger als ein eventuelles Zeichen des Roten Kreuzes. Man konnte doch sehen, dass die Waggons mit der Munition auf dem Nebengleis standen... Und dann sahen wir plötzlich eine riesige Schar von Staren. Die Vögel erschienen völlig unerwartet unter den Flugzeugen und flogen jetzt unseren Zug an, und zu unserem Erschrecken verwandelten sie sich in Hunderte, vielleicht Tausende von heulenden Bomben.

Was weiter passierte, weiß ich nicht. Ich spürte einen starken Schlag in den Rücken und verlor mein Bewusstsein. Und dann träumte ich einen wunderbaren Traum: Ich lag in einem von Sonnenlicht erfüllten und nach frischem Grün riechenden Wald.
In meiner Nähe war ein plätschernder Bach mit kristallklarem Wasser. Ich streckte meine Hand nach dem Wasser aus, meine Hand wurde aber von etwas zurückgehalten und gedrückt. Plötzlich war ich wieder bei Bewusstsein - ich wurde von den Körpern meiner Kameraden gedrückt, und dieser Bach war ihr Blut, das auf mich herabfloss. Mit größter Mühe kroch ich unter den toten Körpern hervor, um mich herum Hunderte von zerfetzten Körpern, kein Leben. Es gab keine Wächter mehr, es gab niemanden, der mir helfen konnte. Ohne nachzudenken floh ich weit weg von dieser Hölle und lief durch die leeren Straßen der Stadt. Etwa 300 m vom Bahnhof entfernt lag die Hälfte des Körpers eines SS-Manns - sein Kopf, ein Teil des Rumpfes und eine Hand. Ich begann schneller zu gehen und hörte wieder das immer lauter werdende Motorengeräusch der sich nähernden Flugzeuge. Instinktiv suchte ich Zuflucht im nächsten Treppenhaus und lief die Treppe in den Keller hinunter. Ich befand mich in einem niedrigen, engen, schlecht beleuchteten Raum, in dem ich eine Gruppe von Zivilisten, vor allem Frauen und Kinder, sah. Bei meinem Anblick fingen alle schrecklich an zu schreien, als ob sie ein Gespenst vor sich gesehen hätten. Ich verließ fluchtartig den Keller. Mit dem Rest meiner Kräfte lief ich weiter und hatte nur noch einen Gedanken: So weit wie möglich vom Bahnhof und den Gleisen zu fliehen, denn dort wartete ein sicherer Tod auf mich.

Das, was später passierte, werde ich nicht beschreiben: Die Exekutionen von Häftlingen, diese mehrtägige Hetzjagd, die die SS, der Volkssturm und die Polizei veranstaltet haben, um diejenigen Häftlinge gefangen zu nehmen und wie Jagdtiere zu töten, die von den Bomben verschont geblieben waren.
Ich selbst fand mich in einer kleinen Gruppe von Häftlingen wieder, die am Waldrand zusammengetrieben worden waren. Wir lagen zwei Tage und zwei Nächte lang auf dem Boden und warteten auf die Exekution. Ein schreckliches Schicksal, nach drei Jahren des verzweifelten Kampfes ums Überleben so kurz vor der Befreiung zu sterben.

In der dritten Nacht wurden wir aber von der SS in eine leere Scheune und nach einigen Stunden - zu unserem Erstaunen in einige schön eingerichtete Baracken geführt. Dann verschwanden die SS-Männer. Am frühen Morgen des 12. April sahen wir durch die Barackenfenster die ersten britischen Soldaten. Es war kein Traum mehr, wir waren frei. ...

Aus: Giergielewicz, Jerzy: Endstation Neuengamme, Außenlager Drütte: der Weg eines 17 jährigen aus Warschau durch vier Konzentrationslager. Bremen , S. 77-80